Ich kannte sie kaum wieder, die Männer der Ruhrkohle, bei ihrer kleinen Jubiläumsfeier. 25 und 40 Jahre im Dienst des Bergbaus. Mal solide gekleidet, mal modisch mit Pilotenhemd und sportlicher Lederkrawatte. Locker und froh gestimmt saßen sie heute hier zusammen in der von der Betriebsgruppe ausgesuchten Gaststätte. Später bei der großen Feier, wenn aus allen Einzelbetrieben die Kumpel zusammen kommen, sind auch die Ehefrauen mitgeladen. Das warme Essen hatten die Jubilare hinter sich gebracht und jetzt schmeckt das Bierchen. Die Art der Unterhaltung war allerdings eine andere, als wenn die Frauen mit an den Tischen Platz genommen hätten. Heute war man noch unter sich. "Wie lange warst du Unten?" "Wie lange machst du noch?" "Deine Rente müßte doch stimmen." "Mensch, mach dir noch ein paar schöne Jahre, bevor du den A... zukneifst." "Watt, Unfallrente hasse auch noch, Mensch - watt machste denn mit den vielen Moos?" Genau diese Worte hörte der Beobachter der heutigen Gesellschaft an fast allen Tischen. Man kommt ins Plaudern und ich nehme an einem Tisch Platz. Die Bierchen sind immer schneller leer und die Männer werden immer redseliger. Das sind noch immer die alten Schlitzohren, die Kumpel, die noch die Zeit der blechernen Kaffeepulle selbst geformt haben.
Einer der leitenden Angestellten sitzt mit in der Tischrunde und beteiligt sich an dem Gespräch über längst vergangene Zeiten. In den meisten Fällen beginnt der Erzähler mit den Worten: "Weißt du noch?" So begann auch Adolf seine Erinnerungen auszugraben und alle waren in Gedanken auf Schacht 4 und 5 in den Jahren nach dem Krieg. "Ich brauchte unbedingt einen Anhänger für mein Fahrrad", sagt der Erzähler, und alle hingen an seinen Lippen, "Schnell war auf dem Papier ein Modell fertig und die Karre auf der Zeichnung wurde in einer günstigen Stunde dem Fahrsteiger der Schicht unter die Nase gehalten. Natürlich wurde dieses so wichtige Fahrgestell auch mit einem zugedrückten Auge genehmigt und wir machten uns bald so nebenbei an den Fahrradanhänger. Wir waren in der Werkstatt aber von der schnellen Truppe und haben einen Hänger nach dem anderen zusammengezimmert. Der Fahrsteiger wunderte sich wiederholt, daß wir mit unserer so wichtigen Karre gar nicht so recht vorankamen. Obwohl ich mir gar nicht sicher war, wenn ich sein Gesicht beim Anblick der halbfertigen Karre beobachtet habe, ob er nicht ahnte, wie die Sache lief. Wir waren reine Meister im Bau von Anhängern und fast jeden Tag konnte eine Karre beladen mit einem Sack Sägemehl, natürlich mit einem Auftragsschein für das Sägemehl, das Zechentor passieren. Natürlich blieb die Karre ja immer draußen und einer von der Familie holte sie im Dunkeln bei Mittagsschicht dann ab."
Natürlich lachte die ganze Tischgesellschaft, weil man den Fahrsteiger so hinters Licht geführt hatte. Derselbe übernahm jetzt das Wort und meinte: "Glaubt ihr Schlickefänger denn vielleicht, ich hätte nicht gemerkt, wie der Hase läuft? Leute, wir kannten doch alle Tricks zu dieser Zeit. Jetzt erzähl aber den Schluß auch noch, der muß auch noch zu Papier gebracht werden."
"Ja, wie war das noch. Wir bauten also Anhänger, etwas übertrieben gesagt, wie am Fließband. Bis eines Tages der Gustav als Torposten sich breit in die Einfahrt vor eine Karre stellte und unmißverständlich dem Adolf gegenüber äußerte: "Ich bekucke mir das ja schon eine ganze Weile, aber das sag ich dir, den nächsten Anhänger kriege ich, oder denkze - ich wäre doof."
Schallend wurde gelacht und an den anderen Tischen wurde man schon aufmerksam. Mensch, Adolf, erzählze wieder Dönkes von damals - Mensch, dat kommt nie mehr wieder - dat waren noch andere Zeiten."
Ruth Kellmann